Christian Thomas Kohl

 

Buddhismus & Quantenphysik

 

Eine seltsame Parallelität zweier Wirklichkeitsbegriffe


Abstract. Rudyard Kipling, der berühmte Autor des „Dschungelbuches“,

schrieb einmal die folgenden Worte „Oh, East is East and West is West,

and never the twain shall meet“. „Oh, Osten ist Osten und Westen

ist Westen und die beiden werden sich nie treffen“. In meinem

Aufsatz werde ich zeigen, daß Kipling nicht vollständig recht hatte.

Ich versuche auf die gemeinsame Grundlage der buddhistischen

Philosophie und der Quantenphysik hinzuweisen. Es gibt eine überraschende Parallelität zwischen dem philosophischen Wirklichkeitsbegriff der Philosophie Nagarjunas und den

physikalischen Wirklichkeitsbegriffen der Quantenphysik. Für beide bestehtdie fundamentale Wirklichkeit nicht aus einem festen Kern, sondern aus Systemen wechselwirkender Gegensätze. Diese Wirklichkeitsbegriffe lassen sich nicht mit den substantiellen oder holistischen und instrumentalistischen Wirklichkeitsbegriffen vereinbaren, die den modernen Denkweisen zugrunde liegen.


1. Nagarjunas Wirklichkeitsbegriff


Nagarjuna war der bedeutendste buddhistische Philosoph Indiens. Nach

Etienne Lamotte lebte er in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts nach

Christus. (1) Seine Philosophie ist von großer Aktualität. Bis heute bestimmt sie das Denken aller Traditionen des tibetischen Buddhismus. Über seine Person haben wir wenig gesicherte Erkenntnisse, aber viele Legenden, auf die hier nicht eingegangen werden soll. Allerdings gilt die Authentizität von dreizehn seiner Werke in der wissenschaftlichen Forschung als gesichert.

Um die Überprüfung und Übersetzung dieser dreizehn Werke hat sich

besonders der dänische Wissenschaftler Chr. Lindtner bemüht. (2)

Nagarjunas Hauptwerk, Mulamadhyamaka-Karikas, Merkverse der

mittleren Lehre (abgekürzt: MMK), ist 1997 in einer anspruchsvollen

deutschen Übersetzung erschienen. (3) Der Indologe Claus Oetke hat für

die Übersetzung viele interessante Verbesserungsvorschläge gemacht, die

von mir berücksichtigt worden sind. (4) Nagarjuna ist der Begründer der

philosophischen Schule des mittleren Weges, Madhyamaka. Der mittlere

Weg stellt einen spirituellen und philosophischen Weg dar, der extreme

metaphysische Konzepte vermeiden möchte, ganz besonders die Konzepte

des substantiellen Denkens in ihren verschiedenen

Formen. In Nagarjunas Hauptwerk MMK wird der mittlere Weg

folgendermaßen beschrieben: "24.18 Das Entstehen in gegenseitiger

Abhängigkeit (pratītyasamutpāda), dies ist es, was wir ‚Substanzlosigkeit‘

(sunyata) nennen. Das ist (aber nur) ein abhängiger Begriff; gerade sie

(die Substanzlosigkeit) bildet den mittleren Weg".

Nagarjunas Philosophie besteht hauptsächlich aus zwei Aspekten. Zum

einen aus der Darlegung eines eigenen Wirklichkeitsbegriffs, nach dem die

grundlegende Wirklichkeit keinen festen Kern hat und nicht aus

unabhängigen, substantiellen Grundbausteinen, sondern aus Zwei-Körper-

Systemen besteht, deren materielle oder immaterielle Körper

wechselwirken. Dieser Wirklichkeitsbegriff wird einem der

Schlüsselbegriffe der traditionellen Metaphysik Indiens dichotomisch

entgegengestellt: svabhava [eigenes Sein]. Zum anderen aus Hinweisen

auf die inneren Widersprüche von vier extremen Wirklichkeitsbegriffen, die

nicht ausführlich, sondern nur in ihren Prinzipien dargestellt werden.

Allerdings kann man leicht erkennen, auf welche Denkweisen sich diese

Prinzipien beziehen und das ist wichtig, denn dabei geht es gerade um

unsere extremen metaphysischen Denkweisen, die es uns nicht

gestatten, die Wirklichkeit zu erkennen. Es geht nicht nur um eine

Auseinandersetzung mit der traditionellen Metaphysik Indiens. Diese vier

extremen Ansätze beziehe ich auf die substantiellen I, substantiellen II,

holistischen und instrumentalistischen Denkweisen der modernen Welt.

Um diese Denkweisen wirkungsvoll unterlaufen zu können, muss man sie

als solche erste einmal erkannt haben. Deswegen sollen sie hier ohne

Vollständigkeitsanspruch in kurz gefasster Form skizziert werden:

1. Substantialismus I. Die Idee. In Europa steht das substantielle Denken im

Zentrum der traditionellen Metaphysik, von den Vorsokratikern, über

Platon bis Kant. Für die traditionelle Metaphysik ist Substanz oder eigenes

Sein etwas, das unveränderlich, sich selbst ewig gleich, von nichts

anderem abhängig, durch sich selbst existierend ist. Substanz ist der

Daseinsgrund für alles andere, die immaterielle Grundlage der Welt, in der

wir leben. Unter der höchsten Substanz wurde in der traditionellen

Metaphysik oft Gott oder ein göttliches Wesen verstanden. Seit Kant ist

die erste Frage der Philosophie nicht mehr die nach der Wirklichkeit,

sondern nach dem Geist oder nach dem Ursprung der Erkenntnis. Deshalb

hat die traditionelle Metaphysik in der modernen Welt an Boden verloren.

Allerdings sind die zentralen Begriffe der traditionellen Metaphysik, wie

Sein, Substanz, Wirklichkeit etc. durch substantielle und reduktionistische

Denkweisen moderner Naturwissenschaftler ersetzt worden: Nun sollen

Atome, Elementarteilchen, Energie, Kraftfelder, Naturgesetze, Symmetrien

etc. der Daseinsgrund für alles andere sein.

2. Substantialismus II. Das Ding. Platon hatte zwei Formen des Seins unterschieden, er unterschied besonders im zweiten Teil des 'Parmenides' Einzeldinge, die alles was sie sind, nur durch Teilhabe sind und insofern kein eigenes Sein haben, und Ideen, die ein eigenes Sein haben. während sich der erste Teil dieser Denkweise auf die Ideen bezieht, die ein eigenes Sein haben sollen, sind hier im zweiten Teil die Einzeldinge gemeint, die kein eigenes Sein haben sollen. „Die Materie für sich allein existiert nicht, zur Wirklichkeit wird sie erst durch die Ideen erweckt, die in ihr anwesend sind“, so lesen wir in dem Philosohischen Wörterbuch von Georgi Schischkoff über Platon. Georgi Schischkoff (Hg.), Philosophisches Wörterbuch, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1991, Seite 704. Im Brockhaus lesen wir kurz und bündig: „Der ontologische Idealismus läßt sich auf die Behauptung zurückführen, daß alle Dinge, insbesondere die materiellen, durch Nichtmaterielles [etwas Geistiges, Ideen] zur Existenzgebracht worden sind und werden“, Brockhaus in 24 Bänden, Bd 10, Leipzig, Mannheim 1996, Seite 395. Auch der moderne Subjektivismus gehört dazu. Er schränkt den Gegensatz Idee & Wirklichkeit oder Idee & Einzelding ein und bezieht sich nur noch auf den Gegensatz von Subjekt & Objekt. „Subjektivismus. Die durch Descartes eingeleitete „Wendung zum Subjekt“, d.h. die Lehre, daß das Bewußtsein das primär gegebene sei, alles andere aber Inhalt, Form oder Schöpfung des Bewußtseins. Den Höhepunkt dieses Subjektivismus stellt der „Idealismus“ Berkeleys dar. Als gemäßigter Subjektivismus dieser Art kann der Kantianismus betrachtet werden“; Georgi Schischkoff, op.cit., Seite 704.

3. Holismus. Der dritte Ansatz versucht dem verhängnisvollen Entweder-

Oder-Schema der ersten beiden Ansätze zu entgehen, indem er die beiden

Körper zu einem Ganzen fusionieren läßt, bei dem es genau genommen

keine Teile mehr gibt, nur eine Identität, es ist alles eins. Das Ganze wird

verabsolutiert und mystifiziert, es wird zu einer selbständigen Einheit, die

unabhängig von ihren Teilen besteht. Ganzheit wird nun offenbar als

etwas Konkretes verstanden, so als ob das Ganze ein Erfahrungsbegriff

sei. Als eine philosophische Grundhaltung aller großen Epochen der

europäischen Philosophiegeschichte ist dieser Ansatz mit den Namen

Thomas von Aquin, Leibniz, und vor allem mit Schelling verbunden

und durch David Bohm für die Quantenphysik vertreten.

4. Instrumentalismus. Der vierte Ansatz besteht in einer Zurückweisung

oder Ignorierung der Existenz von Subjekt & Objekt. Statt den einen oder

den anderen Ansatz zu bevorzugen oder beide zusammen, weist dieser

metaphysische Ansatz beide zurück. Die Frage nach der Wirklichkeit ist für

ihn belanglos oder sinnlos. Der Instrumentalismus ist modern, klug

[beispielsweise in der Person des Philosophen Ernst Cassirers] und

manchmal auch etwas spitzfindig. Es ist schwer, sich ihm zu entziehen. Er

besteht darin, als eine Fortsetzung des Subjektivismus Denken als ein

Denken in Modellen, als eine Informationsverarbeitung zu betrachten und

sich nicht mehr wirklich darum zu kümmern, über welche Phänomene die

Informationen informieren. Das ist ein Problem, das er vom

Subjektivismus geerbt hat, über den der Philosoph Donald Davidson

schreibt: "Hat man sich erst einmal für den cartesianischen

Ausgangspunkt entschieden, weiß man - wie es scheint - nicht mehr

anzugeben, wofür die Belege eigentlich Belege

sind".(5).Instrumentalismus ist ein Sammelbegriff, er bezeichnet

unterschiedliche wissenschaftstheoretische Auffassungen, die darin

übereinkommen, menschliche Erkenntnis insgesamt oder

wissenschaftliche Begriffsbildungen, Sätze und Theorien nicht bzw. nicht

primär realistisch, als Wiedergabe der Struktur der Wirklichkeit, sondern

als Resultat menschlicher Interaktionen mit der Natur zum Zweck

erfolgreicher theoretischer und praktischer Orientierung anzusehen. Für

den Instrumentalismus sind Theorien nicht Weltbeschreibungen, sondern

Instrumente zur systematischen Ordnung und Erklärung von Beobachtung

und zur Prognose von Tatsachen. (6) In Kurzform wird der

instrumentalistische Ansatz von dem experimentellen Physiker Anton

Zeilinger wiedergegeben. Zeilinger sagt in einem Interview: "In der

klassischen Physik sprechen wir von einer Welt der Dinge, die irgendwo

das draußen existieren, und wir beschreiben diese Natur. In der

Quantenphysik haben wir gelernt, dass wir da sehr vorsichtig sein

müssen. Die Physik ist letztlich nicht die Wissenschaft über die Natur,

sondern die Wissenschaft von den Aussagen über die Natur. Die Natur

selbst ist immer eine geistige Konstruktion. Niels Bohr hat das einmal so

gesagt: Es gibt keine Quantenwelt, es gibt nur eine quantenmechanische

Beschreibung". (7)

Nagarjuna stellt diese vier extremen Wirklichkeitsbegriffe in einem

Schema dar, das in Sanskrit 'catuskoti', in griechisch 'Tetralemma'

genannt wird. In Kurzform könnten sie vielleicht folgendermaßen

formuliert werden: Die Dinge entstehen nicht substantiell, 1. weder aus

sich selbst heraus, 2. noch aus etwas anderem heraus, 3. nicht aus

beidem, 4. aber auch nicht ohne eine Ursache. Dahinter stehen

Wirklichkeitsbegriffe, die sich, wie gesagt, auf substantielle, holistische und instrumentalistische Denkweisen

der modernen Welt beziehen lassen. Es wird schwer sein, einen modernen

Menschen zu finden, der nicht auf seine Art einen dieser vier extremen

Ansätze vertritt. Das macht die Aktualität der Philosophie Nagarjunas aus.

Nagarjuna hat keineswegs nur den objektiven Idealismus

zurückgewiesen, um dann im Nihilismus oder im subjektiven Idealismus zu landen,

wenngleich dies vielfach gegen ihn behauptet wurde. Er hat auch nicht das

dualistische Entweder-Oder-Denken zurückgewiesen, um bei einem dritten

Ansatz, dem des des Holismus, der Identität oder der Ganzheit

anzukommen, was manchmal wohlwollende Interpreten von ihm sagten.

Auch hat er nicht den Holismus zurückgewiesen, um bei einer vierten Denkweise, beim Instrumentalismus stehen zu bleiben, was manchmal moderne Interpreten

in der Nachfolge des Philosophen Ludwig Wittgensteins meinen. Denn das

sind gerade die vier extremen metaphysischen Ansätzen, die von

Nagarjuna systematisch zurückgewiesen werden.

Bereits der erste Vers der MMK verdeutlicht nicht nur das ganze Dilemma,

sondern das ganze Tetralemma unseres Denkens, er lautet: "MMK 1.1

Nirgendwo finden sich jemals irgendwelche Dinge, seien sie aus sich selbst

oder aus anderem oder aus beidem oder ohne irgend eine Ursache

entstanden".(Oetkes Übersetzung)

Diesen Vers kann man als die hauptsächliche Aussage der MMK auffassen:

Die Zurückweisung von vier extremen metaphysischen Ansätzen, die sich

nicht mit dem abhängigen Entstehen der Dinge vereinbaren lassen. Der

'Rest' der MMK wäre dann nichts anderes, als eine Erläuterung dieses

Verses. Deswegen ist eine sorgfältige Betrachtung angebracht. Was ist die

Aussage dieses Verses, dass sich nichts finden läßt, dass es nichts gibt,

dass nichts existiert? Wollte Nagarjuna die Außenwelt leugnen? Wollte er

zurückweisen, was offensichtlich ist? Wollte er die Welt, in der wir leben,

infrage stellen? Wollte er bestreiten, dass man überall irgendwelche Dinge

finden kann, die irgendwie entstanden sind? Wenn ein Ding nicht aus sich

selbst heraus entstanden ist, dann muss es doch aus etwas anderem

entstanden sein, so könnte man einwenden, wenn man unter dem Begriff

'entstehen' das empirische Entstehen der Dinge meint. Welche Bedeutung

hat der Begriff 'entstehen'? In einem anderen Text gibt Nagarjuna selber

einen Hinweis zum Verständnis dieses Begriffs. Er schreibt in seinem Werk

Yuktisastika (YS), 19: „Was abhängig von diesem und jenem entstanden ist, das ist nicht substantiell entstanden. Was nicht substantiell entstanden ist, wie kann man es wörtlich (nama) 'entstehen' nennen?" „39. Was aus einer Ursache entstanden ist und was ohne Bedingugen nicht dauerhaft bleibt, sondern verschwindet, wenn die Bedingungen nicht vorhanden sind, wie kann es als 'existieren' verstanden werden?“(8) Mit dem Entstehen der Dinge ist also nicht ihr empirisches, sondern ihr substantielles Entstehen gemeint. Wenn Nagarjuna an vielen anderen Stellen seines Hauptwerkes MMK sagt, die Dinge entstehen nicht (MMK 7.29), sie existieren nicht (MMK 3.7, MMK 5.8, MMK 14.6), sie sind nicht zu finden (MMK 2.25, MMK 9.11), sie sind nicht (MMK 15.10), sie sind unwirklich(MMK 13.1), dann hat das offenbar die Bedeutung: die Dinge entstehen nicht substantiell, sie existieren nicht durch sich selbst, ihre

Unabhängigkeit ist nicht zu finden, sie sind abhängig und in diesem Sinn

sind sie substantiell unwirklich. Nur die Idee des substantiellen Entstehens

der Dinge, nur eine absolute und unabhängige Existenz, nicht das

empirische Entstehen, nicht eine empirische Existenz der Dinge werden

von Nagarjuna zurückgewiesen.

Er erläutert dies in MMK 15.10: "Sagt man 'es ist', hält man an ewiger

Dauer fest. Sagt man 'es ist nicht', hat man die Vorstellung des Aufhörens

[der Dinge]. Deshalb möge sich der Verständige nicht auf die beiden

[Ansichten], 'es ist' und 'es ist nicht', festlegen lassen". 'Es ist' hat also bei

Nagarjuna die Bedeutung 'es ist substantiell'. Sein Thema ist nicht die

empirische Existenz der Dinge, sondern die metaphysische Idee von einer

ewigen Dauer, von einer Substanz der Dinge. Nur die Idee von einem

eigenen Sein, ohne Teilhabe an etwas anderem, wird von Nagarjuna

zurückgewiesen: Die Dinge entstehen nicht für sich selbst, sie existieren

nicht absolut, ihr dauerhaftes Sein ist nicht zu finden, sie sind nicht

unabhängig, sondern sie sind abhängig entstanden.

Wenn von zahlreichen Interpretationen Nagarjuna unterstellt wird, er

weise auch die empirische Existenz der Dinge zurück, dann ist das eine

unzulässige Verallgemeinerung, die Nagarjuna in die Nähe des

Subjektivismus oder Instrumentalismus rückt. Solche Interpretationen

sind aus metaphysischen Ansätzen entstanden, die Schwierigkeiten

haben, die empirische Existenz der Gegebenheiten anzuerkennen, was bei

Nagarjuna überhaupt nicht der Fall ist.

Wie belegt Nagarjuna die Abhängigkeit der Phänomene? Ausgangspunkt

der MMK ist die Zweiheit der Phänomene. Diese grundlegenden Zwei-

Körper-Systeme können nicht weiter zerlegt werden, sie bilden ein System

von zwei materiellen oder immateriellen Komponenten, die sich ergänzen.

Die eine Komponente existiert nicht ohne die andere, die eine bildet das

Gegenstück der anderen. In den MMK beschäftigt sich Nagarjuna mit

solchen konkreten Dualitäten, wie: Ding (dharma) & seine Bedingungen

(1. Kapitel), Geher & begangene Strecke (2. Kapitel), Seher & Sehen (3.

Kapitel), Ursache & Wirkung (4. Kapitel), Kennzeichen & Zu-

Kennzeichnendes (5. Kapitel), Leidenschaft & der von Leidenschaft

Ergriffene (6. Kapitel), Entstehen & Ursache des Entstehens (7. Kapitel),

Tat & Täter (8. Kapitel), der Sehende & das Sehen (9. Kapitel), Feuer &

Brennstoff (10. Kapitel) etc.

Dadurch werden wir in das Zentrum der Philosophie Nagarjunas geführt,

es besteht in seinem Wirklichkeitsbegriff. In den ersten 10 Kapiteln seines

Hauptwerkes, aber auch in den weiteren, betont Nagarjuna hauptsächlich

einen einzigen Gedanken, der in der Erkenntnis besteht, die beiden

materiellen oder geistigen Körper eines Zwei-Körper-Systems sind nicht

identisch, aber sie fallen auch nicht auseinander. Das wichtigste

Kennzeichen der Phänomene ist ihre Abhängigkeit und die daraus

resultierende Substanzlosigkeit, die Unmöglichkeit, einzeln und

unabhängig existieren zu können. Das ist mit sunyata gemeint: die

Phänomene sind ohne eigenes Sein und Unabhängigkeit, die fundamentale

Wirklichkeit besteht nicht aus einzelnen, isolierten materiellen oder

immateriellen Faktoren, die Phänomene entstehen nur in Abhängigkeit

von anderen Phänomenen, substantiell entstehen sie nicht, denn ein

abhängiges Phänomen kann nicht unabhängig sein:

Ein Ding ist nicht unabhängig von seinen Bedingungen und nicht identisch

mit ihnen, ein Geher existiert nicht ohne eine begangene Strecke und er

ist nicht identisch mit der begangenen Strecke, bei einem Seher gibt es

weder Identität noch Verschiedenheit mit dem Sehen. Es gibt keine

Ursache ohne eine Wirkung und umgekehrt. Der Begriff Ursache hat keine

Bedeutung ohne seinen Gegenbegriff Wirkung. Ursache & Wirkung sind

nicht eins, aber sie fallen auch nicht in zwei getrennte Begriffe

auseinander. Ohne Kennzeichen können wir nicht von einem Zu-

Kennzeichnenden sprechen und umgekehrt. Wie sollte es einen von

Leidenschaft Ergriffenen geben, ohne Leidenschaft? Wenn es keine

Ursachen des Entstehens gibt, gibt es auch kein Entstehen, für sich allein

gibt es keines von beidem. Ohne Tat gibt es keinen Täter, ohne Feuer

keinen Brennstoff. [Nach modernen Erkenntnissen sind Brennstoffe

bekanntlich unterschiedliche Kohlenwasserstoff-Verbindungen, die nur

dann, wenn sie sich mit Sauerstoff verbinden, intensive Wärme- und

Lichtenergie (Feuer) abgeben. Deswegen sind Feuer & Brennstoff nicht

eins, aber sie fallen auch nicht in zwei unabhängige Objekte auseinander.]

Die materiellen und geistigen Komponenten eines Zwei-Körper-Systems

existieren nicht isoliert, aus sich selbst heraus, sie sind nicht identisch und

sie sind nicht unabhängig von einander, deshalb sind sie nicht wirklich. Bei

einem Gegensatzpaar und bei einem Begriffspaar ist die Beschaffenheit

und sogar die ganze Existenz der einen Komponente von der anderen

abhängig. Die eine entsteht mit der anderen, verschwindet die eine, dann

verschwindet die andere mit ihr. Deswegen entstehen die Dinge nicht

substantiell, 1. weder aus sich selbst heraus, 2. noch aus etwas anderem

heraus, 3. nicht aus beidem, 4. aber auch nicht ohne eine Ursache. Die

grundlegende Wirklichkeit besteht nicht aus einem festen Kern, sondern

aus einem Zusammenspiel von Systemen, deren immaterielle oder

materielle Körper wechselwirken.

Dieser Wirklichkeitsbegriff ist zunächst nur eine Idee, ein Hinweis auf die

Wirklichkeit, die eigentlich nicht erklärt werden kann. Wer von der

konzeptfreien Wirklichkeit reden kann, hat sie nicht erlebt. Das yogische

Erleben der Substanzlosigkeit, die Erfahrung von sunyata &

pratityasamutpada, die Erfahrung der Wirklichkeit, so wie sie ist, setzt für

die buddhistische Tradition, die sich auf Nagarjuna bezieht, eine hohe

spirituelle Realisierung voraus, das Aufgeben extremer Ansätze, die

Auflösung des ganzen trennenden, dualistischen Denkens. Sunyata, die

Substanzlosigkeit der Dinge zu erleben, heißt, frei zu werden von allen

Bindungen an diese Welt, wofür Nirvana nur ein anderes Wort ist.


2. Interpretationen


Für Nagarjuna war die erste Frage seiner Philosophie nicht die nach dem

Geist oder nach dem Ursprung der Erkenntnis. Dieser Subjektivismus trifft

eher auf die philosophische Schule des Yogacara zu. Doch die

Interpretation der wichtigsten Yogacara-Texte ist umstritten, weil sie in

einem ontologischen Sinn verstanden werden können, der die äußere Welt

leugnet und somit den Standpunkt des Idealismus einnimmt, oder aber in

einem erkenntnistheoretischen Sinn, als ein Modell für den

erkenntnistheoretischen Prozeß, das die Art und Weise erklärt, in der die

Wahrnehmung eine Projektion des Geistes ist. Was im Yogacara

alayavijna, Speicherbewußtsein, im tantrischen Buddhismus klares Licht

oder Mahamudra genannt wird, bezieht sich auf die glückselige

Erkenntnis von sunyata und bei Nagarjuna auf sunyata selbst. Eine

umfassende Position hat Tarab Tulku Rinpoche dazu im Jahre 2003

vertreten. Er sagte: „So we can call this basic 'energy' for a fundamental

underlying 'mind-field'. This means, in accordance with Ancient Inner

Science that everything existing partakes in a fundamental 'mind-field',

which is the basic 'substance' from which basis mind in a more individual

way and the individual body develop“. „So können wir es 'Grundenergie'

für ein grundlegendes 'Geistfeld' nennen. Das bedeutet, in

Übereinstimmung mit der 'Alten Inneren Wissenschaft', daß alles was

existiert an einem grundlegenden 'Geistfeld' teilhat, das die

'Basissubstanz' ist, von der aus sich der Geist, in einer mehr individuellen

Art und der individuelle Körper entwickeln“. (9)

Um zu belegen, dass Nagarjuna nicht nur von substanzlosen Konzepten

spricht, sondern von substanzlosen Objekten, vergleiche ich seinen

Wirklichkeitsbegriff mit dem physikalischen Wirklichkeitsbegriff der

Quantenphysik, denn in der Physik geht es nicht nur um Konzepte,

sondern auch um die Beschaffenheit der physischen Wirklichkeit.

Unmittelbar erzeugt sie zwar nur Modelle, sie untersucht also nur

Wirklichkeiten, die sie selbst herstellt, aber wir dürfen nun keineswegs so

weit gehen, alle unsere Wahrnehmungen und Denkmodelle als völlig

willkürlich zu betrachten: Die Konstruktionen unseres Geistes sind zwar

nicht unmittelbar mit der Realität identisch, aber sie sind keineswegs

zufällig und in der Regel auch nicht täuschend. [Irvin Rock, (10)] Hinter diesen Modellen sind die empirischen Objekte und annäherungsweise gibt es eine strukturelle Ähnlichkeit zwischen einem wirklichkeitsgetreuen

physikalischen Modell und der ihm entsprechenden physischen

Wirklichkeit.


3. Die metaphysischen Fundamente der Quantenphysik


Vorbemerkung: Hier geht es nicht um eine Darstellung oder Kritik der

Quantenphysik sondern um eine Diskussion der metaphysischen

Denkfiguren, die der Quantenphysik zugrunde liegen. Der

quantenphysikalische Wirklichkeitsbegriff kann durch die drei

Schlüsselbegriffe dargestellt werden: Komplementarität,

Wechselwirkungen und Verschränkungen. Aus Platzgründen werden

Verschränkungen hier nicht erklärt. Nur der Kurzkommentar des Mathematikers Roger Penrose soll hier zu Geltung gebracht werden, weil er, wie mir scheint, ein Prinzip, eine grundlegende Struktur, herausfiltert und dabei ganz dicht am Untersuchungsgegenstand bleibt. Penrose schreibt: „Die nichtlokale Verschränkung ist eine sonderbare Angelegenheit. Es handelt sich um einen Mischzustand – die Objekte sind weder richtig getrennt noch richtig miteinander verbunden“[11].


Die Quantenphysik hat eine lange Vorgeschichte, in der experimentell

nicht eindeutig nachgewiesen werden konnte, ob die kleinsten Elemente

des Lichts und der Materie einen Wellencharakter oder einen

Teilchencharakter haben. Viele Experimente sprachen für die eine oder die

andere Annahme. Elektronen & Photonen verhalten sich manchmal wie

Wellen und manchmal wie Teilchen. Das wurde 'Wellen-Teilchen-

Dualismus' genannt. Der Begriff 'Dualismus' wurde dabei als ein logischer

Widerspruch, als kontradiktorisch verstanden, so dass nur das eine oder

das andere zutreffen könne, paradoxerweise jedoch beides in Erscheinung

tritt. Nach dem Konzept des Dualismus können Elektronen & Photonen

nicht sowohl Teilchen als auch Wellen sein. Das sind Erwartungen, die wir

mit dem Atomismus verknüpfen, denn im Sinne des Atomismus besteht eine wissenschaftliche Erklärung darin, einen wechselhaften Gegenstand auf seine beständigen Bestandteile oder aber auf seine mathematischen Gesetzmäßigkeiten zu reduzieren. Das ist dasdualistische Grundkonzept, das der moderne Atomismus und die moderne Physik von den griechischen Naturphilosophen übernommen haben: Substanz und Beständigkeit sind nicht in den Sinnesdingen der Welt, in der wir leben, zu finden, sondern in den elementaren Bestandteilen der Dinge und in der mathematischen Ordnung, diese materiellen oder immateriellen Fundamente halten die Welt zusammen, sie verändern sich nicht, während alles andere wechselhaft ist. Nach den Erwartungen des Atomismus und der Elementarteilchenphysik müßte es möglich sein, ein Objekt auf seine unabhängigen Bestandteile oder mathematischen Gesetzmäßigkeiten oder einfachen Grundprinzipien zu reduzieren und nach denen müßten die grundlegende Systeme entweder Teilchen oder Wellen sein, nicht beides.

Was ist unter unabhängigen Bestandteilen zu verstehen? Platon

hatte zwei Formen des Seins unterschieden, er unterschied

besonders im zweiten Teil des 'Parmenides', Einzeldinge, die alles,

was sie sind, nur durch Teilhabe sind und insofern kein eigenes

Sein haben, und Ideen, die ein eigenes Sein haben. Diese

Zweiteilung hat die traditionelle Metaphysik von Platon

übernommen. Ein unabhängiges, eigenes Sein bezeichnet in der

traditionellen Metaphysik etwas, das als Existierendes von nichts

anderem abhängig ist (Descartes), was aus sich selbst heraus

existiert, durch sich selbst besteht (More), was gänzlich

uneingeschränkt durch anderes und frei von jeder Art von

Fremdbestimmung ist (Spinoza), das, was für sich selbst, ohne ein

anderes besteht (Schelling). In dieser metaphysischen Tradition

stand auch Albert Einstein, wenn er schrieb: „Wesentlich für diese

Einordnung der in der Physik eingeführten Dinge erscheint ferner,

dass zu einer bestimmten Zeit diese Dinge voneinander

unabhängige Existenz beanspruchen, soweit diese Dinge ‚in

verschiedenen Teilen des Raumes liegen’. Ohne die Annahme einer

solchen Unabhängigkeit der Existenz (des ‚So-seins’) der räumlich

distanten Dinge voneinander, die zunächst dem Alltags-Denken

entstammt, wäre physikalisches Denken in dem uns geläufigen

Sinne nicht möglich".(12)

Diese Idee einer unabhängigen Realität wurde vom Atomismus und von

der Elementarteilchenphysik auf die Grundbausteine der Materie projiziert.

Eine wissenschaftliche Erklärung bedeutet in ihrem Sinne, die

Wechselhaftigkeit und Vielfalt der Objekte und Zustände auf ihre

beständigen, stabilen, unabhängigen unteilbaren Bestandteile oder

mathematischen Gesetzmäßigkeiten zu reduzieren. Nach den Erwartungen

des Atomismus und der Elementarteilchenphysik lassen sich alle

Veränderungen der Natur als Trennung, Verbindung und Bewegung

unveränderlicher, unabhängiger Atome oder noch elementarerer

Bestandteile erklären. Diese oder ihre mathematischen Gesetzmäßigkeiten

machen den Kern der Dinge aus, sie liegen allem zugrunde und sie halten

die Welt zusammen. Die Frage, ob die Grundbausteine der Materie Wellen

oder Teilchen sind, enthielt also einigen Zündstoff: Die traditionellen

Wirklichkeitsbegriffe, die die Metaphysik der Quantenphysik zur Verfügung

gestellt hatte, standen auf dem Spiel. Möglicherweise war die

fundamentale Wirklichkeit nicht mit den traditionellen

Wirklichkeitsbegriffen zu erfassen. Welchen Erklärungswert hat der

Atomismus, wenn sich herausstellen sollte, dass es keine unabhängigen,

stabilen Atome oder Elementarteilchen gibt und die Objekte keinen festen

Kern haben? Waren die Objekte 1. objektiv, 2. subjektiv, 3. beides oder 4.

keines von beidem? Was ist Wirklichkeit? Unterscheidet sich die

Quantenwelt von der Welt, in der wir leben?

Niels Bohr. Ab dem Jahre 1927 führte der Physiker Niels Bohr den Begriff

der Komplementarität in die Quantenphysik ein, nach dem das Wellenbild

& das Teilchenbild nicht zwei getrennte, sich widersprechende Bilder

darstellen, sondern sich gegenseitig ergänzen und nur gemeinsam eine

vollständige Beschreibung der physikalischen Erscheinungen liefern.

Komplementarität bedeutete für Niels Bohr, dass es in der Quantenwelt

nicht möglich sei, von selbständigen, unabhängigen, objektiven

Quantenobjekten zu sprechen, da diese unter einander und mit dem

Messgerät in einer Wechselwirkung stehen. Bohr betonte, dass diese

Wechselwirkung zwischen dem Quantenobjekt & dem Messgerät ein

untrennbarer Bestandteil der Quantenobjekte sei, weil sie für das

Zustandekommen einiger wichtiger Eigenschaften der Quantenobjekte

selbst eine wesentliche Rolle spielt: Bestimmte Messungen legen

Elektronen oder Photonen als Teilchen fest, sie bestimmen das Verhalten

der Quantenobjekte und zerstören die Interferenz, die die Quantenobjekte

als Welle kennzeichnet. Andere Messungen legen sie als Welle fest. Das

war der neue physikalische Wirklichkeitsbegriff Niels Bohrs. Aus der

Erkenntnis, dass Quantenobjekt & Messgerät nicht getrennt werden

können, zog Niels Bohr nicht die instrumentalistische Schlussfolgerung, es

gäbe keine Quantenobjekte (jedenfalls dann nicht, wenn er physikalisch

argumentierte, wenn er metaphysisch über die Quantenphysik sprach,

dann nahm er manchmal einen instrumentalistischen Ansatz ein). (13)

Physikalisch bestand für Niels Bohr die fundamentale physische

Wirklichkeit aus Systemen wechselwirkender Gegensätze.

Wechselwirkungen im Standardmodell der Quantenphysik. In der

Zwischenzeit hat der Begriff der Wechselwirkungen im Standardmodell der

Elementarteilchenphysik Einzug gehalten. Die vier elementaren

Wechselwirkungen verhindern es, die Dinge auf ihre elementaren

Grundbausteine zu reduzieren, wie es Demokrit vorgeschlagen hatte. Zu

den elementaren Grundbausteinen kommen die Wechselwirkungen hinzu,

die Kräfte, die zwischen den Elementarteilchen wirken. Als Grundbausteine

der Materie haben sich nicht einzelne, unabhängige Objekte, sondern

Zwei-Körper-Systeme oder Mehr-Körper-Systeme, ganze Ensembles von Elementarteilchen etabliert. Zwischen ihren Komponenten wirken

Wechselwirkungen, das sind Kräfte, die die Komponenten

zusammenhalten. (14) Sie sind ein bestandteil dieser Komponenten.

Meistens sind es Anziehungskräfte, bei den elektromagnetischen Kräften

können es auch abstoßende Kräfte sein. Mann stellt sich die

Wechselwirkungen zwischen den Elementarteilchen als einen Austausch

von Elementarteilchen vor. Der Physiker Steven Weinberg schreibt über

sie: "Heute kommen wir einer einheitlichen Sicht der Natur am nächsten,

wenn wir in Begriffen von Elementarteilchen und den Wechselwirkungen

zwischen ihnen denken.(...) Am bekanntesten sind Gravitation und

Elektromagnetismus, die wegen ihrer großen Reichweite zur alltäglichen

Erfahrungswelt gehören. Die Gravitation hält unsere Füße auf dem Boden

und die Planeten auf ihren Bahnen. Die elektromagnetische

Wechselwirkung zwischen Elektronen und Atomkernen ist für alle

bekannten chemischen und physikalischen Eigenschaften gewöhnlicher

Festkörper, Flüssigkeiten und Gase verantwortlich. Zu einer anderen

Kategorie gehören die beiden Kernkräfte hinsichtlich der Reichweite wie

der Vertrautheit: Die 'starke' Wechselwirkung, die Protonen und

Neutronen im Atomkern zusammenhält, hat eine Reichweite von nur etwa

10 -13 Zentimetern, so dass sie im alltäglichen Leben und selbst im Bereich

eines Atoms (10 -8 Zentimeter) völlig untergeht. Am wenigsten vertraut ist

die 'schwache' Wechselwirkung, die eine so kurze Reichweite (weniger als 10 -15 Zentimeter) besitzt und so schwach ist, dass sie wohl kaum

irgendetwas zusammenhalten kann".(15) Dabei gehen die Erklärungen bis

in sehr schwierige und subtile Einzelheiten hinein. Wie kann zum Beispiel

ein Elektron, das nur aus einem Teil besteht, mit einem anderen

Quantenobjekt wechselwirken? Welchen Teil soll es denn abgeben, wenn

es nur aus einem Teil besteht? Diese Frage kann durch das Konzept der

Wechselwirkungen beantwortet werden. Ein Elektron besteht nicht nur aus

einem einzigen Teilchen, denn die Wechselwirkung des Elektrons ist selbst

ein Teil des Elektrons. In einem Artikel über Supergravitation aus dem

Jahre 1978 schreiben die Physiker Daniel Z. Freedman und Pieter van

Nieuwenhuizen darüber: "Beispielsweise kann man die beobachtete

Elektronenmasse als Summe aus einer ‘nackten Masse’ und der

Selbstenergie’ beschreiben, die auf einer Wechselwirkung des Elektrons

mit seinem eigenen elektromagnetischen Feld beruht. Einzeln ist keiner

dieser Anteile beobachtbar".(16)

Was die Elementarteilchenphysik über die Träger der Wechselwirkungen

weiß, soll hier in einer Kurzfassung mit den Worten des Physikers Gerhard

't Hooft wiedergegeben werden. Er schreibt, "dass ein Elektron von einer

Wolke aus virtuellen Teilchen umgeben ist, die es ständig emittiert und

wieder absorbiert. Diese Wolke besteht nicht nur aus Photonen, sondern

auch aus Paaren geladener Teilchen, beispielsweise Elektronen und ihren

Anti-Teilchen, den Positronen".(...) "Auch ein Quark ist von einer Wolke

virtueller Teilchen umgeben, und zwar von Gluonen und Quark-Antiquark-

Paaren".(17) Einzelne, isolierte, unabhängige Quarks hat man noch nie

beobachtet. Dieses Phänomen wird in der neueren Forschung Confinement

bezeichnet, d.h. Quarks sind Gefangene, sie können einzeln nicht

auftreten, sondern nur als Paar oder als Trio. Versucht man zwei Quarks

gewaltsam von einander zu trennen, entstehen zwischen ihnen neue

Quarks, die sich zu Paaren oder Trios verbinden. Der Physiker Claudio

Rebbi und andere berichten: "Zwischen den Quarks und Gluonen im

Innern eines Elementarteilchens entstehen laufend zusätzliche Quarks und

Gluonen, die nach kurzer Zeit wieder vergehen".(18) Diese Wolke aus

virtuellen Teilchen stellen die Wechselwirkung dar oder stellen sie her.

Wir sind im Zentrum der Quantenphysik angekommen, es besteht in

einem neuen physikalischen Wirklichkeitsbegriff, der nicht mehr

einzelne, unabhängige Grundbausteine als die Fundamente der

Wirklichkeit ansieht, sondern Zwei-Körper-Systeme oder zwei Zustände

der Quantenobjekte oder zwei Begriffe, wie Erde & Mond, Proton &

Elektron, Proton & Neutron, Quark & Antiquark, Welle & Messgerät,

Teilchen & Messgerät, Zwillingsphotonen, Superpositionen, Spin-up &

Spin-down, Materie & Antimaterie, Elementarteilchen & Kraftfeld,

Naturgesetz & Materie, Symmetrie & Antisymmetrie etc. Diese Systeme

fallen nicht auseinander, sie lassen sich nicht auf zwei getrennte,

unabhängige Körper oder Zustände reduzieren, von denen der eine

grundlegend und der andere abgeleitet sein soll, wie es das

metaphysische Entweder-Oder-Schema des Substantialismus I & II

versucht. Sie sind zusammen auch keine nahtlose Einheit,

sie sind nicht dasselbe, sie sind nicht identisch, sie sind nicht ein

mysteriöses Ganzes, wie der Holismus meint. Auch kann man nicht

behaupten, sie seien einfach nichts als mathematische Modelle, die wir

konstruieren und denen keine physische Realität entspricht, was vom

Instrumentalismus ausgesagt wird. Genau die letzte Behauptung stellt z.

B. Stephen Hawking auf, obwohl er sich selbst nicht als Instrumentalist,

sondern als Positivist bezeichnet. Er sagt in einer Diskussion mit Roger

Penrose: "Ich dagegen bin Positivist – ich glaube, dass physikalische

Theorien lediglich von uns konstruierte mathematische Modelle sind und

dass es sinnlos ist, danach zu fragen, ob sie der Wirklichkeit entsprechen,

allenfalls, ob sie Beobachtungen vorhersagen können".(19) Es ist nicht

sinnlos, nach einer Entsprechung von Modell & Objekt zu fragen, denn

wenn ein Denkmodell richtig ist, hat es strukturelle Ähnlichkeiten mit den

Gegebenheiten, die es rekonstruiert, andernfalls kann es zu Voraussagen

führen, für die es keine sinnvolle physikalische Deutungen gibt, weil sie

nicht der Wirklichkeit entsprechen können.

Physikalisch ist eine grundlegende Wirklichkeit kein Ein-Körper-System,

sondern ein Zwei-Körper-System oder ein Ensemble von Körpern, eine

Wolke aus virtuellen Teilchen, von der die Körper umgeben sind. Zwischen

diesen Körpern gibt es eine Wechselwirkung, die ein Bestandteil dieser

Körper ist. An dieser physikalischen Erkenntnis ist nicht zu rütteln und

doch sträuben sich unsere ganzen metaphysischen Schemata dagegen.

Diese Wolke entspricht nicht unseren traditionellen metaphysischen

Erwartungen von allem, was Stabilität, Substanz, Festigkeit,

Dauerhaftigkeit und Ordnung darstellen und grundlegend sein soll. Wie

können Wolken das sein, was wir gewohnt sind, die Grundbausteine der

Materie zu nennen? Wie kann dieses kleine vibrierende Etwas das sein,

nach dem ganze Generationen von Philosophen und Physikern gesucht

hatten, um auf den Kern der Dinge oder auf eine letzte Wirklichkeit zu

stoßen? Soll das alles gewesen sein? Aus diesen kleinen Wolken wollen wir

durch eine metaphysische Interpretation etwas herausfiltern, das Bestand